Max Bruchs Doppelkonzert für Klarinette und Viola op. 88
  • Nicolai Pfeffer

Max Bruchs Doppelkonzert für Klarinette und Viola op. 88

Viele Musiker kennen das Problem: Das Auffinden des Orchestermaterials selten gespielter Sololiteratur für Bläser gestaltet sich zum Teil äußerst schwierig. Bedauerlicherweise werden deshalb sehr viele Kompositionen – unter ihnen auch das Doppelkonzert für Klarinette und Viola von Max Bruch¹ op. 88² – nur selten zur Aufführung gebracht. Dieser Umstand könnte unglücklicher nicht sein, denn auf der einen Seite gewinnt das Publikum den Eindruck, dass die Klarinette – abgesehen von den wundervollen Konzerten Mozarts und Webers – über kein nennenswertes Solorepertoire verfügt, auf der anderen Seite werden sowohl Klarinettisten als auch dem Publikum zum Teil sehr interessante Kompositionen vorenthalten.

Ohne Zweifel stellt Bruchs Doppelkonzert eine wertvolle Bereicherung des romantischen Solo-Repertoires für beide Instrumentalisten dar, das von einem namhaften Komponisten seiner Zeit geschrieben wurde. Beim unvoreingenommenen Zuhören erkennen wir ein hochromantisches Werk für eine ungewöhnlich solistische (und sogar orchestrale³) Besetzung, die es in jedem Fall verdient hat, regelmäßig von Profi- sowie Laienensembles aufgeführt zu werden. Zusätzlich bietet das vom Komponisten selbst angefertigte Arrangement der Klarinettenstimme für Violine eine äußerst reizvolle Besetzungsalternative.

Nichtsdestotrotz führte das Doppelkonzert des rheinischen Komponisten seit seiner Entstehung vor genau einhundert Jahren ein Schattendasein, was vor allem auf den anachronistischen Charakter des Werks zurückzuführen ist. Max Bruch war ein konservativer Komponist, ein Bewunderer und Verehrer der Werke Robert Schumanns und Felix Mendelssohns. Er schrieb das Doppelkonzert, das am Ende einer langen Reihe von Solokonzertwerken steht, im Alter von dreiundsiebzig Jahren ganz im Stil seines mehr als vierzig Jahren zuvor komponierten und äußerst populären ersten Violinkonzerts in g-moll, das seinen Weltruhm 1868⁴ begründete. Es finden sich darin sogar mehrere Zitate und Anklänge an Bruchs frühere Werke,wieder, wie etwa seine fünf Jahre zuvor komponierte zweite Orchestersuite⁵.

Doch in der Zwischenzeit hatte sich die Musik weiterentwickelt und nicht nur die Komponisten der Zweiten Wiener Schule suchten nach neuen musikalischen Formen und Möglichkeiten, was zur Folge hatte, dass das „unmoderne“ Doppelkonzert rasch in Vergessenheit geriet. Bruch, der zu Lebzeiten hauptsächlich für seine Chor- und Vokalkompositionen bekannt war und stets beteuerte, im Schatten Johannes Brahms zu stehen, war ein Traditionalist und verteidigte seine romantische Kunstauffassung resolut und kompromisslos gegenüber neuen musikalischen Strömungen. Diese Verteidigungshaltung und Bruchs streitbarer Charakter führten zu heftigen Auseinandersetzungen mit einigen der brillantesten Komponisten seiner Zeit und drängten ihn letztendlich um die Jahrhundertwende noch weiter ins Abseits. Nachdem Max Bruch in der Zeit des Nationalsozialismus wegen seines verfemten Kol Nidrei⁶ – dem Cellisten Hausmann⁷ gewidmete Variationen über zwei hebräische Themen – als vermeintlicher Jude aus den Programmplänen gestrichen worden war, gerieten in der Folgezeit viele seiner Werke im deutschsprachigen Raum in Vergessenheit.


Der Klarinettist Max Felix Bruch (Bildmitte) auf einer Aufnahme vom 7. Januar 1908 - Etwa zum Zeitpunkt der Komposition der “Acht Stücke”.


Ebenso wie seine Acht Stücke⁸ — Triokompositionen für Klarinette, Viola und Klavier – wurde auch das Doppelkonzert Bruchs ältestem Sohn Max Felix⁹, einem begabten Klarinettisten, gewidmet. Sein Spiel wurde in mehreren Rezensionen und Briefwechseln offenkundig mit dem des berühmten Meininger Klarinettisten Richard Mühlfeld verglichen, der bekanntermaßen auch Johannes Brahms zur Komposition seiner späten Klarinettenwerke inspiriert hatte. Am 5. März des Jahres 1912 hob Max Felix zusammen mit Bruchs langjährigem Freund, dem Violisten Prof. Willy Hess¹⁰, das Doppelkonzert unter Verwendung der Stimmenmanuskripte in Wilhelmshaven “vor allen Admirälen und Seekapitänen etc. etc. unserer Kriegsflotte” aus der Taufe. Vielleicht verstärkte dieses eher ungewöhnliche Konzertpublikum den Eindruck eines Rezensenten der Allgemeinen Musikzeitung in seiner Beschreibung des Werks als


„harmlos, schwach, langweilig, vor allem aber zu verhalten, in seiner Wirkung nicht originell und wahrlich kein Meisterwerk“¹¹.

Verglichen aber mit vielen anderen Erstaufführungen aus dieser Zeit - Igor Stravinskys Ballet Le Sacre du Printemps wurde nur zwei Monate zuvor in Berlin uraufgeführt - mag diese harsche Kritik an der neuen Komposition des 73-jährigen Traditionalisten Bruch vielleicht sogar berechtigt sein.

Eine zweite Aufführung fand nach erneuten Korrekturen mit Max Felix Bruch und Werner Schuch am 3. Dezember 1913 an der Berliner Musikhochschule statt. Inzwischen hegte Bruch – wohl auf Anregung seines ehemaligen Studenten Leo Schrattenholz¹², mit dem ihn ein freundschaftliches Verhältnis verband – Pläne, auch die Partie der Solobratsche für eine sechssaitige Viola d’amore zu arrangieren. Soweit wir heute wissen, ist es aber niemals zu einer Ausschrift für dieses seltene Instrument gekommen.

Max Bruchs op. 88 wurde erst 1942, zweiundzwanzig Jahre nach seinem Tod, vom Simrock-Nachfolger Rudolf Eichmann in Berlin veröffentlicht. Von da an war es stets relativ schwierig oder sogar unmöglich, das Orchestermaterial zu kaufen oder zu leihen, da das Verlagshaus in der Folgezeit mehrere Male verkauft wurde und das Werk auf Grund des Zweiten Weltkriegs ohnehin nur in kleiner Auflage erschienen war. Darüber hinaus wurde lange Zeit angenommen, dass Bruchs Originalmanuskripte gegen Ende des Krieges zerstört wurden. Glücklicherweise tauchte das Autograph der Orchesterpartitur 1991 überraschend im Londoner Auktionshaus Christie’s auf und wurde zehn Jahre später vom Kölner Max-Bruch-Archiv mit der Unterstützung zahlreicher Stiftungen und des Landes Nordrhein-Westfalen gekauft, nachdem der britische Dirigent und Bruch-Experte Christopher Fifield¹³ dessen Echtheit bestätigt hatte.


Das von Ewald Bruch, dem jüngsten Sohn des Komponisten, 1966 gegründete Max-Bruch-Archiv gehört zum musikwissenschaftlichen Institut der Universität Köln. Es beherbergt eine umfangreiche Sammlung wichtiger Manuskripte, einschließlich des zweiten Violinkonzerts¹⁴, der zweiten¹⁵ und dritten Symphonie¹⁶, der Acht Stücke op. 83 sowie auch die Briefwechsel Bruchs mit bedeutenden Zeitgenossen, darunter ein umfangreiches Korpus mit Briefen an den Verleger Fritz Simrock.

Als ich mein Studium an der Kölner Musikhochschule begann, bekam ich die Gelegenheit, das Doppelkonzert mit Orchester aufzuführen. Leider war es aber bis zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht möglich, das Notenmaterial zu mieten oder zu kaufen. Daraufhin habe ich selbst damit begonnen, eine neue Urtext-Ausgabe des Konzerts zu erstellen.¹⁷ Beim Vergleich des Partiturautographs mit dem Berliner Erstdruck von 1942 habe ich festgestellt, dass erstaunlicherweise einige Diskrepanzen zwischen den beiden Quellen existieren. Noch überraschender war allerdings, dass Otto Lindemann¹⁸, der Herausgeber der Erstausgabe, selbst signifikante Änderungen in Bruchs Manuskript vorgenommen hatte, die später in die Erstdrucke von Orchesterpartitur und Klavierauszug übernommen wurden. Das einzige verlässliche Dokument, das die ursprünglichen Ideen Bruchs wiedergibt, ist das Manuskript der Orchesterpartitur, welches aus diesem Grund auch als Hauptquelle der Neuveröffentlichung dient. Alle Abweichungen zwischen dem Manuskript und den Drucken sind in einem Kritischen Bericht aufgelistet bzw. dargestellt.

Ich bin sehr glücklich, dass die erste Urtext-Edition von Bruchs Doppelkonzert¹⁹ (einschließlich des vollständigen Orchestermaterials und einem überarbeiteten Klavierauszug) nun über das namhafte Verlagshaus C. F. Peters in Frankfurt erhältlich sind. Ich hoffe, auf diese Weise eine für den Interpreten übersichtliche und praxisnahe Ausgabe einer Komposition geschaffen zu haben, die dem ursprünglichen Notentext Max Bruchs gerecht wird und sicherlich ein Revival verdient hat.

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[1] Max [Christian Friedrich] Bruch: geboren am 6. Januar 1838 in Köln; gestorben am 6. Oktober 1920 in Berlin-Friedenau. Bruch war ein deutscher Komponist, Lehrer und Dirigent. Er erhielt seine erste musikalische Ausbildung von seiner Mutter, der Sopranistin und gefragten Pädagogin Wilhelmine Bruch (geborene Almenräder, 1799-1867). Sein Vater, August [Carl Friedrich] Bruch (1799-1861) war Vizepräsident der Kölner Polizei. Bruch studierte in Köln bei Ferdinand [von] Hiller (1811-1885) und Carl [Heinrich Carsten] Reinecke (1824-1910). Er erhielt zahlreiche akademische Auszeichnungen, so zum Beispiel eine Professur an der Berliner Hochschule für Musik, einen Ehrendoktortitel der Cambridge University und zu seinem 80. Geburtstag einen Ehrendoktortitel für Theologie und Philosophie von der Universität Berlin.


[2] Prof. Dr. Dietrich Kämper: Werkverzeichnis, in “Max Bruch Studien. Zum 50. Todestag des Komponisten”, (erschienen in: Beiträge zur Rheinischen Musikgeschichte Heft 87, Köln 1970).


[3] Die Orchestrierung ist eigenartig: Das Werk beginnt in einer Kammermusikbesetzung, fügt jedoch in jedem Satz weitere Bläser hinzu.


[4] Konzert Nr. 1 g-moll für Violine und Orchester op. 26 (1864-1867), Wiesbaden: August Cranz, 1868. Dieses Werk gehört noch heute zum Repertoire der größten Geiger unserer Zeit. Seine ungeheure Popularität veranlasste Max Bruch schon wenige Jahre nach der Uraufführung, für dieses Konzert scherzhaft ein "polizeiliches Verbot" zu fordern.


[5] Das zweite Thema des zweiten Satzes aus op. 88 stammt aus dem ersten Satz von Bruchs zweiter Orchestersuite (Nordland Suite, 1906, WoO).


[6] Kol Nidrei für Cello und Orchestra op. 47 (1881). Während des Dritten Reichs wurde auf Grund dieser Komposition und Bruchs Verehrung für Felix Mendelssohn irrtümlicherweise behauptet, Bruch sei selbst Jude gewesen und daraufhin viele seiner Kompositionen in der Nazizeit verboten. Bruch selbst war Protestant – ein Enkel des berühmten evangelischen Theologen Dr. Phil. Christian Gottlieb Bruch (1771-1836).


[7] Robert Hausmann (1852-1909) war einer der bekanntesten deutschen Cellisten und Hochschullehrer. Hausmann war Mitglied des Joachim Quartetts und ein enger Freund von Johannes Brahms, der ihm zum Beispiel seine zweite Cellosonate in F-Dur op. 99 widmete. Gemeinsam mit Brahms und Mühlfeld führte Hausmann 1891 das Klarinettentrio op. 114 von Brahms zum ersten Mal auf.


[8] Acht Stücke für Klarinette, Bratsche und Klavier oder Violine, Violoncelle und Klavier. Berlin/Leipzig: N. Simrock, 1910. Erstdruck in acht Einzelheften.


[9] Max Felix Bruch (1884-1943) studierte zunächst Komposition bei seinem Vater in Berlin, begann aber später eine Karriere als Klarinettist und Dirigent. Frustriert vom übermächtigen Vorbild seines Vaters arbeitete er später bei einem Schallplatten-Unternehmen und fiel im zweiten Weltkrieg.


[10] Prof. Willy Hess (1859-1939) war ein deutscher Violinist und Violinprofessor an der Berliner Hochschule für Musik.


[11] Allgemeine Musikzeitung Nr. 40, Berlin 1913.


[12] Leo Schrattenholz (1872-1955) trat im Berliner Musikleben als Violoncellist, Pianist und Dirigent des Symphonie-Vereins (Orchestergesellschaft) hervor.


[13] Christopher Fifield ist der Autor der exzellenten Biografie: Max Bruch - His Life and Works, London: George Braziller, 1988.


[14] Konzert Nr. 2 d-moll für Violine und Orchester op. 44 (1878) Berlin: N. Simrock, 1878.


[15] Symphonie Nr. 2 f-moll op. 36, (1870, Joseph Joachim gewidmet) Berlin: N. Simrock, 1870.


[16] Symphonie Nr. 3 E-Dur op. 51 (1887) Wiesbaden: Breitkopf & Härtel, 1887.


[17] Ich bedanke mich herzlich bei Prof. W. Steinbeck und Thomas Fischer für die gewährte Einsicht in die umfangreiche Sammlung des Max-Bruch-Archivs.


[18] Otto Lindemann (1879-1946) war ein Berliner Herausgeber und Arrangeur. Er war für seine hervorragenden Arrangements und Klavierauszüge vieler beliebter Werke von u.a. Johann Strauss (Sohn), Franz Lehar und Jaques Offenbach bekannt.


[19] Doppelkonzert op. 88 für Klarinette (Violine) und Viola mit Orchester, Frankfurt: C. F. Peters, 2010.

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