Zu den letzten Dingen
  • Nicolai Pfeffer

Zu den letzten Dingen

Aktualisiert: 30. Juni 2019

„Ein Thema, wie aus dem Himmel gefallen, oder richtiger, aus schönster Jugendzeit herüberduftend, voll süßer Schwärmerei und drängendem Liebesglück! Um dieser Melodie willen, mit welcher die Klarinette ohne jedes Vorspiel anhebt, sich am eigenen Gesang berauschend, ist mir dieser Satz der liebste (…). Der zweite Satz, ein Allegro appassionato in Es-moll, unterbricht (…) den Gefühlsturm, um in einen gesangvollen, langsamen Dur-Mittelsatz einzulenken, nach welchem der erste Teil zurückkehrt und in tiefen Schalmeientönen leise hinstirbt. Ein Sechsachteltakt, Es-dur, (…) bringt einige reizende Variationen und leitet unmittelbar in das Finale (…).
In der f-moll-Sonate ist der erste Satz (gleichfalls ein Allegro appassionato) der musikalisch bedeutendste (…). Ein stimmungsvolles kurzes Andante in As-dur verwendet in schönen Wechsel alle hohen und tiefen Klangwirkungen der Klarinette. Ihm folgt der unmittelbar ansprechendste aller Sätze: ein Allegretto grazioso, dessen idyllische Anmut und Heiterkeit an Schubert’sche und Brahms eigene Ländler erinnert. (…) Frisch und behind strömt das Finale dahin, ein rascher Alle-Breve-Satz, in welchem eine Klarinettenfigur von staccierten Achtelnoten originell und witzig heraussticht. Beiden Sonaten steht bei näherer Bekanntschaft ein wachsender Erfolg bevor. (…)“

-Eduard Hanslick in Neue Freie Presse, 15. Januar 1894


Die Entstehung der letzten Klavier- und Kammermusikwerke von Johannes Brahms verdanken wir zweifellos dessen Begegnung mit dem Meininger Ausnahmeklarinettisten Richard Mühlfeld, der Brahms zu neuer Kreativität anregte. Seine komplementären, motivverflochtenen Sonaten op. 120 sind gleichermaßen voller überschwänglicher Freude, drängender Leidenschaft und Augenblicke malerischer Ruhe. Ein Kaleidoskop der Emotionen – und ein grandioses, wegweisendes Geschenk für seine Liebhaber und musikalischen Nachfolger. Der bei aller architektonischer Klarheit schier grenzenlose Facettenreichtum an Klangfarben und Stimmungsnuancen in diesen Werken wie auch die feinsinnige Behandlung der Klarinette machen die Sonaten wirklich zu einem echten Schatz unserer Literatur. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass gerade diese beiden Klarinettensonaten uns in den letzten Jahren so intensiv begleitet haben wie kaum ein anderes Werk der Duoliteratur.


Nicolai Pfeffer (Klarinette, rechts) und Felix Wahl (Klavier, links)

Der Pianist Felix Wahl und ich hatten das Glück, uns im zurückliegenden Jahr nochmals ganz intensiv mit diesen späten Geschenken Johannes Brahms’ auseinandersetzen und unsere derzeitige eigene Sicht auf diese beiden Meisterwerke der Klarinettenkammermusik auf einer CD-Einspielung – kombiniert mit Brahms letztem Klavierwerk op. 119 – präsentieren zu dürfen. Die CD wird zu Beginn des Jahres 2018 bei CAvI music erscheinen und im Fachhandel sowie auf den üblichen Download- und Streamingplattformen erhältlich sein. Für die Unterstützung bei unserem Aufnahmeprojekt sind wir vielen Freunden zu großem Dank verpflichtet. Stellvertretend möchte ich mich bei Dr. Thomas Sitte, Elke Hohmann, Jochen Seggelke, Dr. Andreas von Imhoff, Ruprecht Stempell, Daniel Edwards und Michael Bryant von ganzem Herzen bedanken. Zudem standen uns für die Aufnahmen neben den fantastischen Möglichkeiten und Instrumenten im Sendesaal Bremen auch eine von den Bamberger Klarinettenbauern Schwenk & Seggelke gefertigte Klarinette aus ca. einhundert Jahre altem französischem Buchsbaum zur Verfügung. Dank ihrer tendenziell weicheren Klangfarbe entspricht diese Klarinette meiner Meinung nach besonders gut der Musik des späten Brahms.


Wenngleich Brahms letzte Werke immer noch etwas Jugendlich-Schwärmerisches haben, insbesondere die Es-Dur-Sonate (op. 120 Nr. 2), so spiegeln sie doch vor allem seine Auseinandersetzung mit dem Sterben wider. Getrieben von Todesahnungen sendete der damals 58-Jährige einen Brief an seinen Verleger Fritz Simrock. Der Brief enthielt sein Testament. Hatten ihn doch der Tod der Schwester (Elise Gund) im Jahr 1892, gefolgt vom Tod enger Freunde Elisabeth von Herzogenberg 1892, Theodor Billroth 1894 und Hans von Bülow 1894 tief berührt und trübten seinen Blick trotz der für ihn erholsamen und künstlerisch inspirierenden Aufenthalte in Meiningen und Bad Ischl. So wundert es kaum, dass Brahms als motivische Grundlage der f-Moll-Sonate auf die Melodie des Schlusschorals (die Melodietöne des Chorals sind farbig hervorgehoben) aus der Bach’schen Matthäus-Passion zurückgreift:

Quasi als verborgenes Programm zieht sich diese Choralmelodie durch die ganze Sonate,

darüber hinaus erkennt mein Kollege Rudolf Mauz in seinem spannenden Artikel noch viele weitere motivische, teils chiffrierte Bezüge zu Brahms’ FAE-Anagram, aber auch zu Clara Schumann und Agathe von Siebold. Lesen Sie doch einmal hinein! Die unglaubliche Tiefe von Brahms’ musikalischem Denken offenbart sich in diesen späten Sonaten jedoch auch mit zahlreichen anderen Werkbezügen, die in Jost Michaels Beitrag zur Brahms‘schen Kammermusik (https://g.co/kgs/pQhThT) und der umfangreichen Publikation von Andrea Massimo Grassi hervorragend dargestellt werden. Ist Ihnen beispielsweise schon einmal aufgefallen, dass die eröffnenden Takte der f-moll-Sonate aus dem oben abgebildeten Notenbeispiel die Umkehrung des Themas aus dem Kopfsatz seiner zweiten Violinsonate (op. 100, Allegro amabile) darstellen?



Zweifelsohne spielt das künstlerische Spätwerk eines Komponisten innerhalb dessen Œuvre oftmals eine gewichtige Rolle und man widmet sich diesem mit großer Aufmerksamkeit. So auch geschehen auf unserer jüngsten CD-Einspielung, mit der wir aber nicht nur den Blick auf das Brahm’sche Spätwerk richten wollen, sondern auch auf das Schicksal junger Menschen und Kinder, denen das Glück eines langen Lebens versagt bleiben wird, da sie an einer lebensverkürzenden Krankheit leiden.

Um diesen Kindern die Möglichkeit zu geben, ihr Leben bis zuletzt umfassend versorgt und in vertrauter Umgebung verbringen zu dürfen, gründete sich im Jahr 2013 die Deutsche Kinder PalliativStiftung (DKPS). Diese Stiftung, über deren Arbeit Sie sich unter http://www.palliativstiftung.de informieren können, ist ein wichtiger Ansprechpartner für betroffene Familien und fördert zahlreiche Projekte, um schwerkranken Kindern unmittelbar zu helfen. Die Stiftung wurde von den Gründern der Deutschen PalliativStiftung (DPS) ins Leben gerufen und sie reagierte damit auf einen großen Bedarf im Bereich der Hospizarbeit und Palliativversorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland.


Diese wertvolle Arbeit möchten auch wir unterstützen und spenden daher den Erlös von 500 verkauften CD-Exemplaren der vielseitigen Arbeit der Deutschen Kinder PalliativStiftung. Einen kleinen Vorgeschmack auf die Platte bietet unser untenstehender Video-Trailer. Viel Vergnügen!



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