Zu den letzten Dingen

„Ein Thema, wie aus dem Himmel gefallen, oder richtiger, aus schönster Jugendzeit herüberduftend, voll süßer Schwärmerei und drängendem Liebesglück! Um dieser Melodie willen, mit welcher die Klarinette ohne jedes Vorspiel anhebt, sich am eigenen Gesang berauschend, ist mir dieser Satz der liebste (…). Der zweite Satz, ein Allegro appassionato in Es-moll, unterbricht (…) den Gefühlsturm, um in einen gesangvollen, langsamen Dur-Mittelsatz einzulenken, nach welchem der erste Teil zurückkehrt und in tiefen Schalmeientönen leise hinstirbt. Ein Sechsachteltakt, Es-dur, (…) bringt einige reizende Variationen und leitet unmittelbar in das Finale (…).
In der f-moll-Sonate ist der erste Satz (gleichfalls ein Allegro appassionato) der musikalisch bedeutendste (…). Ein stimmungsvolles kurzes Andante in As-dur verwendet in schönen Wechsel alle hohen und tiefen Klangwirkungen der Klarinette. Ihm folgt der unmittelbar ansprechendste aller Sätze: ein Allegretto grazioso, dessen idyllische Anmut und Heiterkeit an Schubert’sche und Brahms eigene Ländler erinnert. (…) Frisch und behind strömt das Finale dahin, ein rascher Alle-Breve-Satz, in welchem eine Klarinettenfigur von staccierten Achtelnoten originell und witzig heraussticht. Beiden Sonaten steht bei näherer Bekanntschaft ein wachsender Erfolg bevor. (…)“

-Eduard Hanslick in Neue Freie Presse, 15. Januar 1894


Die Entstehung der letzten Klavier- und Kammermusikwerke von Johannes Brahms verdanken wir zweifellos dessen Begegnung mit dem Meininger Ausnahmeklarinettisten Richard Mühlfeld, der Brahms zu neuer Kreativität anregte. Seine komplementären, motivverflochtenen Sonaten op. 120 sind gleichermaßen voller überschwänglicher Freude, drängender Leidenschaft und Augenblicke malerischer Ruhe. Ein Kaleidoskop der Emotionen – und ein grandioses, wegweisendes Geschenk für seine Liebhaber und musikalischen Nachfolger. Der bei aller architektonischer Klarheit schier grenzenlose Facettenreichtum an Klangfarben und Stimmungsnuancen in diesen Werken wie auch die feinsinnige Behandlung der Klarinette machen die Sonaten wirklich zu einem echten Schatz unserer Literatur. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass gerade diese beiden Klarinettensonaten uns in den letzten Jahren so intensiv begleitet haben wie kaum ein anderes Werk der Duoliteratur.