Ein Offizier und Gentleman
  • Nicolai Pfeffer

Ein Offizier und Gentleman


Gemälde von Johan Gustaf Sandberg (1826)

Lange galt der schwedische Komponist Bernhard Henrik Crusell als Geheimtipp unter Klarinettisten, inzwischen haben seine Konzerte den Weg auf die Konzertbühnen gefunden. Kein Wunder angesichts der hinreißenden Musik, mit der Crusell – selbst ein Klarinettenvirtuose von internationalem Rang – das frühromantische Repertoire bereichert hat. Crusells Werke brauchen den Vergleich mit Webers und Spohrs Klarinettenliteratur nicht zu scheuen.








„Das Concert [op. 11 ] und Air varié für Clarinette muss ich ganz umschreiben, den[n] ich bin doch nicht ganz zufrieden mit diesen, und ich hoffe sie in mehrerer Hinsicht zu verbessern. Ich bin mit meinen zum Druck bestimmten Arbeiten vielleicht zu gewissenhaft; aber die Kunst ist ja dem Künstler das Höchste, und da muß ja die qualität mehr wie die quan­tität gelten“

-Brief an C. F. Peters vom 20. Oktober 1824


Bernhard Henrik Crusell (1775 – 1838) zählt zu den herausragenden Klarinet­tenvirtuosen seiner Zeit. Bereits 1793 wurde er zum ersten Klarinettisten der königlich schwedischen Hofkapelle in Stockholm berufen, wo er mit Unter­brechungen bis 1833 wirkte. Viele zen­trale Werke des Repertoires wurden von Crusell in Schweden erstaufgeführt, darunter – neben zahlreichen Kammer­musikwerken – die Konzerte von Franz Krommer, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Tausch und Peter von Winter. Crusell regte in Zusammenarbeit mit dem renommierten Dresdner Instru­mentenbauer Heinrich Grenser Weiter­entwicklungen im Klarinettenbau an (u. a. zum Klappenmechanismus) und zählt wohl zu den ersten Spielern, die die moderne Mundstückposition – mit dem Blatt an der Unterlippe – zuguns­ten einer wärmeren, kontrollierteren Klanggestaltung anwendeten.

Neben seiner solistischen Karriere war Crusell auch ein produktiver Kom­ponist. Sein Schaffen umfasst neben Kammermusik, Liedern und einer Oper vor allem virtuose Werke für Blasins­trumente. Insbesondere seine Klarinet­tenkompositionen, darunter drei Solo­ konzerte, die er ursprünglich für den eigenen Gebrauch schrieb, erreichten eine weite Verbreitung und haben sich bis heute im Repertoire gehalten. Die Entstehungsreihenfolge dieser drei Konzerte ist nicht zweifelsfrei zu klä­ren. Eine gelegentlich anzutreffende moderne Nummerierung bezieht sich lediglich auf die Opuszählung der Druckausgaben:


Das Konzert op. 1 in Es­-dur wurde 1811 von Ambrosius Kühnels Bureau de Musique in Leipzig publiziert; drei Jahre, bevor Carl Fried­rich Peters den Verlag übernahm. Das Grand Concerto op. 5 in f­-moll erschien 1817 bei C. F. Peters. Crusells B­dur­ Konzert op. 11 wurde zwar erst 1829 im selben Verlag veröffentlicht, auf­grund der musikalischen Konzeption und stilistischen Nähe zu den französi­schen Solokonzerten des frühen 19. Jahr­hunderts kann aber vermutet werden, dass das Werk (zumindest in Teilen) wesentlich früher entstand, jedoch bis zu seiner Veröffentlichung einige Um­arbeitungen und Änderungen erfuhr.

Die Komposition des Konzerts in f­-moll reicht mindestens ins Jahr 1815 zurück, wie aus der An­kündigung eines „neuen Klarinetten­konzerts“ hervorgeht, das von Crusell am 18. März 1815 in Stockholm aufge­ führt wurde (vgl. Fabian Dahlström, Bernhard Henrik Crusell, Helsinki 1976, S. 120, 257). Dass es sich dabei definitiv um das f­-moll­-Konzert han­delt und nicht etwa um eine überarbei­tete Neufassung des Schwesterwerks in B­-dur, geht aus der Beschreibung in einem Artikel in der Allgemeinen mu­sikalischen Zeitung hervor, wo von einem „Adagio mit Eccho“ die Rede ist (AMZ, 5. Juli 1815, Sp. 451), was nur auf den langsamen Mittelsatz des Grand Concerto in f­-moll passt.


Die Drucklegung des Konzerts als sein Opus 5 nahm Crusell 1817 in An­griff, nachdem er die Zustimmung des dafür vorgesehenen Widmungsträgers, Zar Alexander I., erhalten hatte. Am 25. April schrieb er seinem Leipziger Verleger C. F. Peters: „Sie erhalten sehr bald mein neuester grand Concerto pour la Clarinette, in F moll. [...] Ich habe kürzlich vom Kayser von Russ­land Erlaubnis erhalten, Ihm ein Werk zuzueignen, und habe zwar dieses Con­cert dazu bestimmt. – Da man die Grossen nicht gerne lange warten las­ sen muss, so ersuche ich Sie [...] die Ausgabe dieses Werkes zu beschleuni­gen“ (zitiert nach Dahlström, Crusell, S. 240). Ein weiterer, bislang unveröffent­lichter Brief belegt, dass Crusell bereits vier Tage später Partitur und Stimmen an Peters schickte: „Hierbei folgt nun dieses [im vorigen Brief angekündigte] Werck [...]. Durch die schnelle Abreise des Briefträgers, sind die Stimmen et­ was nachlässig geschrieben worden. Da ich aber die Partitur beigefügt habe, so hoffe ich, daß durch die Vergleichung mit dieser, die Stimmen deutlich ge­ druckt werden können. – Ich wünsche nur noch daß die repliken [= Stichno­ten] mit kleinen Noten angezeigt wer­ den mögten“ (Brief an C. F. Peters vom 29. April 1817; Frankfurt, Universitäts­ bibliothek Johann Christian Sencken­ berg, Signatur Mus. Autogr. B. Crusell A 1 – 12).


Zeitgenössische bibliographi­sche Anzeigen belegen, dass die Druck­ausgabe spätestens im Oktober 1817 vorlag (vgl. Allgemeines Verzeichniß der Bücher, welche in der Frankfurter und Leipziger Michaelismesse [d. h. An­ fang Oktober] des 1817 Jahres [...] ganz neu gedruckt [...] worden sind, Leip­zig 1817, S. 478, sowie Johann Conrad Hinrichs, Verzeichniß neuer Bücher, die vom July bis December 1817 wirk­ lich erschienen sind, Leipzig 1817,

S. 82). Leider sind weder die in Cru­sells Brief erwähnte Partitur noch die Stimmenabschriften erhalten, sodass die Erstausgabe (in Stimmen) die ein­zige Quelle unserer Edition darstellt.


Das f­-moll­-Konzert gehört mit seiner gleichermaßen originellen Melodik wie schlüssigen thematisch­-motivischen Ar­beit sicherlich zu Crusells überzeugend­sten und meistgespielten Werken. Cru­sell selbst war offensichtlich von der repräsentativen Wirkung seiner Kom­position derart überzeugt, dass er sich 1826 auf einem Gemälde des schwedi­schen Malers Johan Gustaf Sandberg mit einem Notenblatt, auf dem das ers­te Thema des f-­moll­-Konzerts zu erken­nen ist, porträtieren ließ. Eine Rezen­sion in der Allgemeinen musikalischen Zeitung belegt ebenfalls die durchaus positive Rezeption des Werks: „Hr. C., erster Kammermusicus und Klarinet­tist des Königs von Schweden, hat sich seit einigen Jahren durch seine Compo­sitionen für sein Instrument nicht nur in Deutschland, sondern überall, wo man dasselbe wahrhaft künstlerisch be­handelt und zugleich gehaltvolle Instrumentalcompositionen liebt, einen aus­ gezeichneten Ruf erworben; und alle, die Hrn C. selbst gehört haben, rühmen ihn auch als einen der vorzüglichsten

Virtuosen. Dieses Werk wird jenen Ruf eher mehren, als mindern; und zu­ gleich dieses Urtheil bestätigen, gehet man die Principalstimme aufmerksam durch, und betrachtet, wie Hr. C. das Instrument in allen, ihm wesentlichen Vorzügen kennet, sie alle geltend macht, und doch nirgends in die Eigenthüm­lichkeiten anderer Instrumente über­ schweift, oder auch die Schwierigkeiten für die Ausführung allzusehr häuft“ (AMZ, 5. August 1818, Sp. 559 f.)




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